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Nachkriegs-Import: Die Schwedenhaus-Siedlung in Unna

Als Faulenhäuser, Holzbaracken und Nissenhäuser wurden sie kurz nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1960 bezeichnet: die Schwedenhäuser in Unna. Die „Schweden-Siedlung“ markierte den Beginn des sozialen Wohnungsbaus in der nordrhein-westfälischen Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Schwedenhäuser in Deutschland sind ein Phänomen der Nachkriegszeit. 1958 entstand eine Mustersiedlung mit Schwedenhäusern im nordrhein-westfälischen Unna, 1961 eine weitere in Ludwigsburg. Die Häuser in Unna waren Teil des ersten größeren Projekts des sozialen Wohnungsbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Als „Faulenhäuser“, „Holzbaracken“ oder „Nissenhäuser“ wurden die ungewohnten Häuser bezeichnet. „Wegen der unterschiedlichen Farben“, erklärt Emil Flunkert, der zu den Bewohnern der ersten Stunde zählt.

Die Siedlung besteht aus 58 Häusern. Entstanden auf dem Gelände einer Obstplantage, wurden die Grundstücke ausschließlich an kinderreiche Familien verkauft. Die Bauherrn konnten aus fünf unterschiedlichen Häusertypen zwischen 75 und 120 m² Grundfläche wählen.

Fertighäuser – in Schweden damals fast schon Standard

Bei den Häusern handelte es sich um Fertighäuser, wie sie damals auch in ihrem Ursprungsland üblich waren: In Schweden waren zu jener Zeit bereits etwa die Hälfte aller neu gebauten Einfamilienhäuser Fertighauskonstruktionen. In Deutschland markierten die Siedlungen in Unna und im baden-württembergischen Ludwigsburg den Beginn des Schwedenhausbaus – auch wenn es noch Jahrzehnte dauern sollte, bis sich daraus ein Trend entwickelte.

Das Fertighausverzeichnis des Instituts für Bauforschung in Hannover, das als Verzeichnis geprüfter Fertighausfabrikate im Auftrag des Wohnungsbauministeriums erstellt worden war, enthielt in diesen Jahren mehrere Haustypen schwedischer Hersteller.

Komplett in Schweden gefertigt

Gebaut wurden sie komplett in Schweden – und das trotz Kritik: Die Handwerker hatten Angst, dass der Aufschwung nach dem Krieg leiden könnte, weil die Häuser nicht in Deutschland hergestellt wurden. Dennoch wurden 58 von ihnen gebaut – „und das Material von rund drei Häusern geklaut“, erinnert sich eine Zeitzeugin. Sie musste später beim Aufreißen der eigenen Außenwände feststellen, dass sich zwischen den Rigipsplatten hinter der Holzfassade überhaupt keine Steine befanden. Die Steine wurden gar nicht erst eingebaut – kein Wunder, dass das ganze Haus extrem hellhörig war.

Das kann heute zum Glück nicht mehr passieren.

Schwedenhaus-Siedlung in Unna: preiswerter als Varianten aus Stein

Die Eigentümer der Siedlung in Unna waren durch das Reichsheimstättengesetz aus dem Jahr 1920 geschützt. Selbst wenn sie kein Geld mehr hatten, bewahrte sie dieses Gesetz etwa vor einer Enteignung. Darüber hinaus hatten die Häuser einen großen Vorteil: Sie waren mit einem Preis von 40.000 bis 60.000 Mark günstiger als die herkömmlichen gemauerten Varianten aus Stein.

Anton Buller aus Unna erinnert sich noch an die Anfänge in der Schwedenhaus-Siedlung: „Alles war genau vorgeschrieben“, erzählte der damals 69-Jährige im Jahr 2010 der Zeitung „Der Westen“. „Es gab einen Plan für die Vorgartenbepflanzung und vor jedem Haus mussten drei Kiefern stehen.“

Schweden war Vorreiter im Fertighausbau

Schwedenhaus-Bungalow Sandliden von Eksjöhus

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Schweden zusammen mit den USA und England zu den führenden Nationen im Fertighausbau. In den Zeiten des Wiederaufbaus schwappte die Welle der farbenfrohen Häuser schließlich nach Deutschland. Die Bauteile wurden aus Skandinavien importiert und in Deutschland errichtet.

„Schwedenhaus“ galt als Gütesiegel

Da in Schweden einige Jahrzehnte früher als in Mitteleuropa mit dem industriellen Bau von Fertighäusern begonnen wurde, galten die schwedischen Produkte als qualitativ hochwertig, und die Bezeichnung „Schwedenhaus“, die von schwedischen Exportunternehmen auf dem deutschsprachigen Markt etabliert wurde, wurde als Gütesiegel angesehen.

Schnell fertig bei hoher Haltbarkeit

Der bis heute nicht geschützte Begriff „Schwedenhaus“ wandelte sich dabei schnell von der bloßen Herkunftsangabe der Fertighausbauteile hin zu einem Qualitätsversprechen. Die in dem skandinavischen Land gefertigten hochwertigen Elemente für das Schwedenhaus versprachen eine schnelle Fertigstellung des Baus bei gleichzeitig hoher Qualität.

Schwedische Fertighäuser auch in Ludwigsburg

In Unna und Ludwigsburg entstanden 1958 und 1961 ganze Mustersiedlungen mit Schwedenhäusern, um den sozialen Wohnungsbau schnell voranzutreiben. Bis zum Jahr 1961 wurden in Deutschland rund 18.000 Fertighäuser gebaut, die den Bürgern ein neues Heim gaben. Die große Mehrheit dieser Häuser, die den Menschen ein neues Dach über dem Kopf boten, waren Schwedenhäuser.

Unter einem Schwedenhaus wurde damals ein Haus aus Bauteilen verstanden, die in Schweden gefertigt wurden. Die tragenden Wände bestanden aus einem Holzrahmen mit beidseitiger Holzschalung.